Interview: Was bedeutet Fair Trade für die Kakao-Bauern? - Teil2

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Im zweiten Teil unseres Interviews mit Patrick Eboe, dem Geschäftsführer von gebana Togo, und Michael Stamm vom gebana Development Team geht es um Armut, Mindestpreise und unsere Massnahmen vor Ort, um zur Verbesserung der Situation beizutragen.

Kakao-Interview

Michael Stamm (links) und Patrick Eboe (rechts).

gebana: Der Film zeigt Bauern, die sagen, dass sie kaum von der Fair Trade-Zertifizierung profitieren und weiterhin sehr arm sind. Wie geht es einem Kakao-Bauern in Togo?

Michael Stamm: Unsere Kakao-Bauern in Togo sind arm, da muss man realistisch sein. Vor allem, weil sie sehr, sehr kleine Landflächen haben – im Durchschnitt besitzen sie nur rund 0.75ha. Aber sie verdienen im Vergleich zu anderen, lokalen Bauern mehr. Denn der Anbau von Kakao sichert ihnen ein Zusatzeinkommen. Pro Jahr können sie rund 350kg Bio-Kakao ernten und verdienen damit aktuell rund 540 EUR. Das entspricht nicht ganz einem Mindestlohn in Togo. Dabei muss man aber sehen, dass der Kakao-Anbau nicht ihr Vollzeit-Job ist – und ausser während der Ernte auch nicht sehr arbeitsintensiv. Die Bauern betreiben auf ihrem Land hauptsächlich Subsistenzwirtschaft: Sie produzieren den Grossteil der Nahrung für ihre Familie selbst und verkaufen einen Teil der Erträge auf dem lokalen Markt. Und da sie nur wenig Land bewirtschaften, haben sie auch keine Ausgaben für zusätzliche Arbeitskräfte. Stattdessen helfen sie sich unter Nachbarn und in der Familie gegenseitig aus.

Wie viel zahlt gebana denn konkret – und im Vergleich zu den Preisen, die ein konventioneller (also nicht bio- und Fair Trade-zertifizierter) Bauer erhält?

Michael Stamm: Zusätzlich zum konventionellen Kakao-Preis zahlen wir 10% Bio-Prämie. Die Fair Trade-Prämie beträgt nochmals rund 12%. Diese wird allerdings nicht direkt ausgezahlt, sondern geht an die Kooperative und ist für Projekte, die den Bauern und der Gemeinde helfen sollen, vorgesehen. Allgemein sind die Preise für Kakao in ganz Westafrika gleich. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten zum Beispiel in der Republik Côte d’Ivoire im Vergleich zu Togo viel höher. Deswegen ist der Ertrag aus dem Kakao-Anbau in Togo für die Bauern interessanter.

Kakao Schoten

Die Fair Trade-Zertifizierung garantiert einen Mindestpreis, falls der Marktpreis sehr tief sinkt. Kommt der überhaupt je zum Tragen?

Patrick Eboe: Oh ja! Der Weltmarktpreis sank beispielsweise zwischen Oktober 2017 und Juli 2018 unter diese Grenze. Das stellte uns vor ganz andere Probleme: Wir bekamen zwar viel Kakao, hatten aber vermehrt mit Pestizid-Problemen zu kämpfen: Da unser Kaufpreis höher war als der Marktpreis, kauften einige Akteure in der Lieferkette zusätzlich fremden, konventionell erzeugten Kakao zu, um sich etwas dazu zu verdienen. Und dies trotz unseres Kontrollsystems und des direkten Einkaufs. Dies zeigt wie komplex es ist, mit vielen kleinen, weit verstreuten Bauern in schwer zugänglichen Gebieten zu arbeiten.

Genau das wird im Film auch erwähnt: Dass unzertifizierter Kakao in Fair Trade-zertifizierte Lieferungen hineingeschmuggelt wird.

Patrick Eboe: Ja, leider. Wir haben daraufhin im vergangenen Jahr die Kontrolle und Rückverfolgbarkeit nochmals intensiviert und verbessert. Jetzt können wir praktisch jedes Kilo Kakaobohnen bis zum Bauern nachverfolgen.

Im Oktober dieses Jahres wird der FLO Fair Trade-Mindestpreis von 2300 USD/Tonne auf 2700 USD/Tonne erhöht. Befürchtet ihr negative Auswirkungen auf die Nachfrage nach eurem Kakao? Im Film kommt ja die Kritik auf, dass die Bauerngruppen jetzt schon nicht ihre gesamten Erträge als Fair Trade-zertifizierte Ware verkaufen können.

Michael Stamm: Wir begrüssen diese Erhöhung, denn sie ist gut für die Bauern! Und was uns betrifft: Wir gehören zu den ganz wenigen, die in Westafrika sowohl Bio- als auch FLO Fairtrade-zertifiziert sind. Deswegen ist die Nachfrage nach unserem Kakao hoch. Wir haben diesbezüglich also keine Bedenken.

Das klingt zwar nicht schlecht, aber was tut gebana konkret, um die Situation der Bauern zu verbessern?

Michael Stamm: Daran arbeiten wir stetig. Es ist ein Prozess, so etwas geht nicht von heute auf morgen. Wir helfen den Bauern dabei, ihre Anbautechniken zu verbessern. Das führt wiederum zu besserer Qualität und höheren Erträgen. Wir gehen davon aus, dass die Bauern, mit denen wir in Togo zusammenarbeiten, mit den richtigen Massnahmen ihre Erträge sogar verdoppeln können.

Patrick Eboe: Die Bäume unserer Bauern sind alt und damit anfällig für Schädlinge. Darum haben wir bereits eine Baumschule aufgebaut und mehrere Tausend Setzlinge verteilt. Wir wollen aber auch die noch vorhandenen, alten Baumbestände schützen und arbeiten darum gerade an besseren biologischen Massnahmen.

Michael Stamm: Wir vom gebana Development Team entwickeln zudem aktuell ein Programm, um vom Verkauf über den Direktversand von gebana mehr Geld an die Bauern weiterzugeben – darüber informieren wir später im Jahr. Aber wir brauchen auch Grosshandelskunden, die langfristige Verträge eingehen und sich engagieren, ohne sie geht es nicht.

Patrick Eboe: Unser Ziel bei gebana Togo ist es, dass die Bauern vom Kakaoanbau gut leben können. Denn nur so bleiben die Jugendlichen auf dem Land und sehen den Kakaoanbau auch langfristig als berufliche Perspektive.

Apropos Perspektive: Ein weiterer, wichtiger und kritischer Punkt im Film ist das Thema Schulbesuch der Bauernkinder und Kinderarbeit. Wie ist die Situation bei den Bauern, mit denen gebana zusammenarbeitet?

Michael Stamm: Mit dem Einkommen aus dem Kakaoanbau finanzieren die Bauern den Schulbesuch ihrer Kinder. Unsere Kakaobauern sind sich der Wichtigkeit von Bildung bewusst – alle schicken ihre Kinder zur Schule, einige sogar später zur Universität.

Patrick Eboe: Kinderarbeit in der Form, dass Kinder ausserhalb der eigenen Familie oder gar im Ausland zur Arbeit gezwungen werden, gibt es bei uns nicht. Denn wie gesagt: Die Bauernfamilien hier haben nur wenig Land und unterstützen sich gegenseitig. Aber natürlich helfen, gerade während der Erntezeit, teilweise auch die Bauernkinder ausserhalb der Schule mit – die Kakaoernte fällt in die Zeit der grossen Sommerferien.